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Archive for Oktober 2015

Der japanische Regisseur Akira Takayama holt die verstrahlten Kühe von Fukushima nach München

„Meine Arbeiten entstehen aus meiner privaten Erfahrung“, sagt der japanische Theaterregisseur Akira Takayama. „Ich bin nicht besonders politisch oder sozial.“ Da seine Erfahrungen jedoch welche sind, die auch andere Menschen machen, erzählen seine künstlerischen Arbeiten von den Erschütterungen und Verwerfungen der gegenwärtigen Welt, von menschengemachten Katastrophen und der sozialen Verwahrlosung des gnadenlosen globalen Kapitalismus‘. Und wie Takayama seine Erfahrungen teilt, wie er diese zu Kunst transformiert, ist durchaus politisch – schafft er hier doch vielschichtige Plateaus, die dem Besucher vielfältige Anschlussmöglichkeiten anbieten.

Wir treffen uns in einem Café im prosperierenden Frankfurter Ostend, wo im Schatten der neuen EZB das alte Arbeiterviertel und Industriegebiet rasant aufgehübscht und hochgepreist wird. Im vergangenen Jahr stand auf der Brache gegenüber des Cafés die Installation „Whole Circle“ des brasilianischen Künstlers Nuno Ramos, ein Kreis aus zehn Straßenlaternen, die einen seltsamen, hybriden Ort zwischen ritueller Kultstätte und Ufo-Landeplatz schuf. Sie eröffnete Takayamas Großprojekt „evakuieren“ im Rhein-Main-Gebiet, bei dem dreißig Stationen des öffentlichen Nahverkehrs zu künstlerisch bespielten Fluchtpunkten wurden, die ihre Besucher entorteten, verrückten, unbekannte Orte hinter bekannten Fassaden entbargen und die vollkommene Fremde der eigenen Stadt erfahrbar machten. Nun hat Takayama bei der Frankfurter Buchmesse eine Publikation vorgestellt, die dieses höchst komplexe, rhizomatische Projekt versammelt: „Die Evakuierung des Theaters“, herausgegeben unter anderem von dem Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann.

„Evakuierung ist ein Schlüsselbegriff für meine Arbeit“, sagt Takayama. Schließlich hat er die Erfahrung der Entortung selbst mehrfach gemacht. Zum Theater kam er, bemerkenswert genug, in Deutschland. In den 1990er Jahren studierte er in Freiburg Philosophie und sah in Stuttgart eine Aufführung von Peter Brook. „Da dachte ich erstmals, dass für mich im Theater die Zukunft liegen könnte.“ Fünf Jahre lang blieb er, inszenierte mit Studenten und las Bertolt Brecht. Er wollte dessen Theorie auf sein Theater übertragen. Seine Installationen und Touren tun dies heute, indem sie den Rahmen des Theaters radikal öffnen und den Zuschauer zum Performer machen, der das Werk erst erschafft – allerdings auf Grundlage einer präzisen Dramaturgie, eine raumzeitlichen Struktur. Er verstecke das Theater, um es zu verwandeln, sagt der Regisseur in der „Evakuierung des Theaters“. Theatrales Wissen und theatrale Ideen wolle er in andere gesellschaftliche Bereiche einsickern lassen.

Die intensive Zeit in Deutschland hatte Takayama jedoch auch entfremdet: Als er nach fünf Jahren zurückkehrte in seine Geburtsstadt Tokio, konzentrierte er sich ganz auf sie, um den verlorenen Anschluss wieder zu finden. 2002 gründete er das Künstlernetzwerk „Port B“, benannt nach der Stadt Portbou, in der sich Walter Benjamin 1940 auf der Flucht vor der Gestapo das Leben nahm. Doch der Name birgt für Takayama auch andere Bedeutungen: „Ich mag seinen Klang. Und ich mag, dass es nicht Port A ist, sondern Port B.“ Ein Ort von Aufbruch und Ankunft also, an dem das „B“ für die alternative Route steht, für die Außenseiterperspektive. Seine ersten Arbeiten kamen in Tokio nicht gut an, doch der große Theaterflüsterer Hans-Thies Lehmann ermutigte ihn, weiter zu machen, und die damalige Direktorin des „Festival/Tokyo“, Chiaki Soma, förderte ihn. Hier entstand 2010 das Vorgängerprojekt von „evakuieren“, „The Complete Mannual of Evacuation“: An 29 Stationen der zentralen U-Bahn-Linie Yamanote richtete Takayama Flucht- und Ausstiegspunkte aus dem eng getakteten Tokioter Alltag ein. Tausende ließen sich so evakuieren. Auf unheimliche Weise bekam das Projekt wenige Monate später eine neue Bedeutung, als nach dem Erdbeben, dem anschließenden Tsunami und Reaktorunfall am 11. März 2011 tatsächlich 400.000 Menschen evakuiert werden mussten.

Versucht man, seine Haltung wie seine Arbeiten auf einen Begriff zu bringen, so ist dieser: Konsequenz. Takayama spricht kein Wort zu viel, alles Gesagte wirkt wohl durchdacht – wie seine Arbeiten, die ihre Besucher sanft, aber nachdrücklich auf ihren Weg setzen. Und auch angesichts von Gefahren bleibt der Künstler unbeirrbar – beispielsweise, als ihn nach der Arbeit „Sunshine 62“ die japanische Mafia, die Yakuza, bedrohte. Da tauchte er nachts in Internetcafés unter und traf dort auf die Obdachlosen der hochbeschleunigten japanischen Gesellschaft. Oder als er im verseuchten Gebiet nahe Fukushima Daiichi Kühe filmte. Aber die Angst hält ihn nicht davon ab, etwas zu tun.

Nach unserem Gespräch wird er weiterfahren nach München, wo er zur Eröffnung des SPIELART-Festivals seine Installation „Happy Island – Das Mahl der Gerechten am Letzten Tag“ zeigt. Diese entwickelte er im Sommer für die Galerie „Hérmes Le Forum“ im Tokioter Einkaufsviertel Ginza. „Heute ist der GAU von Fukushima ein großes Tabu. Es wäre es nicht möglich gewesen, diese Arbeit an einem öffentlichen Ort zu präsentieren, die Hèrmes-Galerie aber ist eine französische Company.“ Genau an dieses Tabu möchte Takayama rühren. Auf der „Farm of Hope“, 14 Kilometer von Fukushima Daiichi entfernt, versorgt der Bauer Masami Yoshizawa weiterhin seine 330 Kühe – und fährt regelmäßig mit einem seiner verstrahlten Tiere nach Tokio, um gegen den Energiekonzern Tepco und gegen die japanische Politik zu protestieren. Schließlich werden in ganz Japan werden Reaktoren wieder in Betrieb genommen, ungeachtet der Tatsache, dass weitere schwere Erdbeben zu erwarten sind. „Die Leute vergessen“, sagt Takayama in stillem Zorn. Der Titel der Installation bezieht sich einerseits auf die Bedeutung des Namens „Fukushima“ – glückliche Insel –, andererseits auf eine Miniatur aus dem 13. Jahrhundert, die ebenjenes finales Mahl darstellt. Die Figuren allerdings tragen Tierköpfe. Takayama nun schafft einen Parcours aus Bildschirmen, und auch die Kühe, die da in einem Heuhaufen wühlen, deren mahlende Kiefer und stampfende Hufe wir hören, sind Mischwesen: „Es sind Tiere, die zugleich Dinge sind, radioaktiver Abfall. Es ist eine traurige, bedauernswerte Existenz.“ Die friedliche Szene ist so grundiert von einer Trauer, so unsichtbar wie die Radioaktivität. In der Münchner Muffathalle wird Akira Takayama nun andere Zuschauer auf den Weg durch seine kleine Farm schicken, und er ist neugierig darauf, was sie, die die unmittelbare Erfahrung des GAUs nicht teilen, mit seiner Arbeit verbinden werden. „Ich weiß es nicht. Es ist ein Versuch“, sagt er gelassen.

Eine kürzere Fassung dieses Porträts erschien in der taz – Die Tageszeitung

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